Als Einzelkind in einer Wohngegend ohne Spielkameraden blieb mir neben zwei berufstätigen Eltern gar nicht viel mehr übrig, als alles, was ich gerne wollte, in kreativen Spielen auszuleben, und so bastelte, knetete und malte ich alles, was mein junges Herz begehrte.

Mit neun Jahren fand ich im Bücherschrank meiner Eltern einen Roman. Auf dem Titel waren ein Pferd und ein Mädchen abgebildet, und das reichte aus, um mich tagelang zu fesseln. Mit dieser Lektüre rollte ich mich auf meinem Bett ein und durchlebte die Geschichte mit Haut und Harren. Sie handelte von einer ostpreußischen Adligen, die ihr Trakehner Gestüt verlassen und sich dem Treck nach Westen anschließen muss. Auf der Flucht im kalten Winter wird ihr Trakehner Fohlen geboren. Im Westen angekommen, muss sie sich ein neues Leben aufbauen, zu dem auch die Liebe zu einem schicken Tierarzt gehört, vor allem aber die Ausbildung des jungen Hengstes, der am Ende einen Nationenpreis gewinnt – und mein ganzes Herz. Spätestens von da an war ich vom „Virus“ Pferd befallen.

Als das örtliche Reformhaus ein Preisausschreiben veranstaltete - der erste Preis war ein Shetlandpony – war ich felsenfest davon überzeugt, unter allen Einsendern die Gewinnerin zu sein. Das muss lange, bevor wir in der Schule Wahrscheinlichkeitsrechnung durchnahmen, gewesen sein. Ich gewann das Pony natürlich nicht, was meiner Mutter nur recht war, die gemeint hatte, ich sei doch schon viel zu groß für ein Pony. Aber, Mutter, ein Pony wäre doch wenigstens ein kleines Pferd gewesen!

 

Zumindest hatte ich jeden Abend in meiner Sandkiste zwei liebe Pferdchen stehen. Aus feuchtem Sand modeliert, mit einem alten Gartenstuhlkissen unserer Vermieterin als Sattel...und wenn ich den Sand schön gleichmäßig feucht hielt, blieben mir die Pferdchen auch gut drei Tage sattelfest, danach musste ich sie neu bauen. Zu fressen bekamen sie die alten Kiefernnadeln, die weit verstreut um meine Sandkiste herum lagen. Als die Sandpferdchen zu klein für mich wurden, bekam ich ein altes Gartenklapptischgestell von unserer Vermieterin. Verrostet wie es war, hatte es immerhin schon die braune Farbe eines Pferdefells.

Mein Schaukelbrett - quer über das Gestell gelegt - diente als Sattel, die Schaukelringe als Steigbügel, und ein dickes Seil, das ich an zwei Ecken des Gestells befestigte, als Zügel. Damit konnte ich, wenn ich mit einem kräftigen Ruck an den „Zügeln“ riss, den Tisch vorne anheben und um die Breite seiner Füße nach vorne ruckeln. Wahres Reiten geht anders, ich weiß, und von den blauen Flecken, die das Schaukelbrett an meinen Schenkeln hinterließ, wollen wir lieber schweigen.

Alternativ baute ich mir natürlich ein Steckenpferd. Das war wesentlich wendiger, doch obwohl mein Vater Ingenieur war, machte mir die Statik Probleme. Um den Kopf zu bauen, hatte ich nur die starke Pappe meiner Schulzeichenblöcke zur Verfügung. Zwei gleiche Pappköpfe gegeneinander geklebt und mit Reißzwecken am Besenstiel befestigt, hielt meinem reiterlichen Alltag ebenso wenig stand wie die Sandpferdchen, zumal mein Steckenpferd natürlich eine ordentliche Wallemähne aus Wollfäden tragen musste, unter deren Gewicht die Pappkonstruktion schlapp in sich zusammen fiel.

Am Ende zeigte sich wieder einmal: weniger ist mehr. Die Bambusstöcke meiner Großmutter, mit denen sie ihre wundervollen Gartenrabatten stützte, erwiesen sich schließlich als perfekte Pferde aller Rassen, Farben und Reitweisen.

Wenn meine Cousine in den Schulferien zu Besuch kam - zwei Jahre jünger als ich und ebenso pferdenärrisch – verwandelte sich Großmutters Garten in einen Turnierplatz. Mit ihrer ewig langen Wäscheleine legten wir auf dem Rasen ein Dressurviereck aus, wenngleich nicht in den korrekten Ausmaßen, jedoch mit Großmutters Blumentöpfen rechts und links vom „Einritt“. Reiten hat ja etwas mit Ästhetik zu tun.

Im Keller fanden wir Unmengen dieser wundervollen Bambusstäbe und Bastbänder, mit denen Großmutter ihre Stauden zusammen band.

 

Wir Mädchen schleppten die Bambusstäbe in den Garten und sortierten sie für unsere Zwecke. Zunächst suchten wir solche aus, die an ihrem dünneren Ende ein wenig eingerissen waren. Sie wurden zu unseren Reitpferden erklärt, weil wir die Zügel aus Bastband in den Schlitzen  befestigen konnten, und sie wurden auf die phantasievollsten Namen getauft, die Bambusstöcke je gehört haben dürften. Sie bekamen auch einen Stall – jede von uns führte natürlich einen eigenen Turnierstall. Der meine war das Geländer an der Kelleraussentreppe, an dessen unterer Strebe ich meine Pferdchen wie in einem Ständerstall aufstellen konnte. Der Stall meiner Cousine befand sich an der gegenüber liegenden Seite des Hauses und war eine romantische Nische in Großmutters Beeten, kuschelig eingebettet unter einer alten Krüppelkiefer. Selbstverständlich liebten meine Cousine und ich uns – ausgenommen, wir waren härteste Konkurrentinnen im Parcour. Unser Parcour, ja, so einen hat die Welt wohl wirklich noch nicht gesehen. Der hatte richtige Hindernisse, die wir aus jenen Bambusstäben bauten, die bei der Auswahl als Reitpferdchen durchgefallen waren.

Und unser Parcour hatte so seine Tücke ähnlich den festen Hindernissen eines Militaryparcours, denn wir hatten ja keine Stangenauflagen wie es sich gehört hätte. Vielmehr knoteten wir an die senkrechten Bambusstangen, die unsere Sprungständer darstellten, kleine Schlaufen aus Bast und hängten dort die Sprungstangen hinein. Im Gegensatz zum realen Springsport, mussten also wir Reiter unsere eigene Sprungkraft und Geschicklichkeit einsetzen, um so eine Konstruktion unbeschadet zu überspringen. Und wir machten sie uns immer schwieriger. Es gab tatsächlich Oxer und Triplbarren, Zweier- und Dreierkombinationen, und Großmutters ovales Rosenbeet mitten im Rasen diente als Wassergraben. Auch da wollte natürlich niemand hinein treten.

Wir nahmen unser Spiel absolut ernst. Es ging den ganzen Tag vom Frühstück an und endete erst, wenn abends unsere Pferde gut versorgt im Stall standen.

Die Geschichten rund um unsere Pferde gingen uns nie aus.

 

Unsere Großmutter ertrug diese Inszenierung mit bewundernswertem Langmut. Immerhin musste in dieser Zeit ihre Gartenpflege ausfallen. Alle Bambusstöcke waren im Dienst, ihre Terrakottatöpfchen ebenfalls, denn sie boten die Auflage für unsere Absprungstangen. Erst unser Großvater konnte uns davon überzeugen, dass der Rasen eines gepflegten Turnierplatzes gelegentlich gemäht werden musste, und dann bauten wir alles ab – und wieder auf.

Immerhin: wir kannten keine Langeweile. Nur höllischen Muskelkater, doch der - das war uns bereits bekannt ohne bis dahin je auf einem echten Pferderücken gesessen zu haben - gehörte zu den Freuden des Reitsports dazu. Wenn wir abends in die Betten fielen, konnten wir kaum noch kichern, und ich denke, unsere Großeltern waren klug genug, unter dem Aspekt dieses Vorteils die zeitweise Umgestaltung ihres Gartens gerne in Kauf zu nehmen.

 

Was aus den beiden kleinen Reitermädchen geworden ist?

Meine Cousine wurde tatsächlich Berufsreiterin, lernte und arbeitete in einem sehr renommierten deutschen Springstall, machte aber noch eine zweite Ausbildung und beendete ihr aktives Reiterleben. Im Herzen ist sie den Pferden mehr verbunden geblieben als dem Reiten. Ich liebe sie wie in unseren Kindertagen.

 

Und ich? Ich bekam von meinem Mann, als ich immerhin Mutter von drei Kindern war, meinen bis heute besten Freund auf vier Hufen geschenkt. Der ist jahrgang 1985 und nun seit 1995 bei mir und mit mir, wurde mein mentaler Lehrer und Spiegel meiner Seele und steht zum Dank hier bei uns am Haus zusammen mit zwei Pferdedamen, denen er mit seinem Machogehabe mehr imponieren kann als mir.

Und auch heute, während ich die Datenschutzerklärung für Sie erneuere, immer noch. Juni 2018.

 
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