Pferde zu malen war von Kindheit an mein Vehikel, um meine Träume zu leben, und entsprang meiner ungestillten, kindlichen Sehnsucht ein eigenes Pferd zu besitzen. Doch zu jener Zeit, als ich diesen Traum träumte, war dessen Erfüllung für mich so weit weg wie der Mars, und die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich im Schulunterricht langweilte, war bedeutend höher als jene, dass ich auch nur eine Reitstunde wöchentlich hätte nehmen können, denn damals war der Reitsport noch kein Breitensport wie heute und daher nur wenigen Glücklichen vorbehalten.

Mit einer unschätzbaren Phantasie und einem Quäntchen Begabung gesegnet, begann ich deshalb in den trockenen Schulstunden kleine Skizzen und Bildchen auf meine Schulböcke zu zeichnen.

Bei mir entstand jedoch nicht „das Haus des Nikolaus“, vielmehr ließ ich Pferde tanzen! In allen Details. Meine Lehrer entdeckten sogar, dass ich ihrem Unterricht umso besser folgen und den Inhalt aufnehmen konnte, je mehr ich mich in meine Zeichnungen vertiefen durfte, denn ich verknüpfte den Lernstoff mit meinen Malereien und konnte ihn später besser wiedergeben als hätte ich nur brav auf meinem Stuhl gehockt. Was damals meiner kindlichen Intuition entsprang, ist heute eine wissenschaftlich gestützte, psychologische Methode für leichteres Lernen. Das sagt mir einmal mehr: Pferde sind Lehrer für’s Leben!

 

Mein ganzes Glück war es, im frühen Morgennebel am Zaun des Abreiteplatzes eines ländlichen Turniers  zu stehen. Dafür war mir keine Zeit zum Aufstehen zu früh, kein Weg mit dem Fahrrad zu weit, denn dort liefen sie, die Geschöpfe meiner Jungmädchenträume, und trugen ihre ganze Schönheit öffentlich zur Schau. Es waren nicht die großen Prüfungen und deren spektakuläre Sieger, die mir wichtig waren, sondern mehr die jungen Pferde auf den Sattel- und Abreiteplätzen, die noch so zauberhaft frisch und natürlich daher kamen mit ihren Kindergesichtern. Mit großen Kulleraugen schienen sie irgendwo in der Ferne die Antwort auf die Frage zu suchen, ob diese Welt gut zu ihnen war, denn wenngleich sie hier im Trubel des Turnierplatzes bereit zu erklären, sich ihren Reitern anzuvertrauen und mit ungekünsteltem Schwung ihre Bewegungsfreude zeigten, tickte irgendwo in ihnen doch noch der jugendliche Freiheitsdrang, und hinter ihrem Gehorsam loderte ein Funken von Ausbruchswillen, der jeden Moment seiner Natur freien Lauf lassen konnte.  .

 

Ich nahm sie mit, diese elfenhaften Wesen, und behielt sie für mich, indem ich sie zeichnete und malte. Mit Rötel und Kohle oder Feder und Tinte auf einem edlen Papier, das ich überhaupt nur zu Weihnachten geschenkt bekam, später auch in Öl und auf Seide.

Auf Seide entwickelte ich sogar meine ganz persönliche „hohe Schule“  der Pferdemalerei, indem ich die Pferdebilder einbettete in die Gestaltung klassischer Seidentücher mit Kordeln, Ledergurten, Messingringen und -schnallen.

Die Transparenz und Brillanz der Farben auf Seide reizten mich, jedoch der Aufwand war unbeschreiblich – und kaum bezahlbar. Mit meiner Perfektion erreichte ich auch die technischen Grenzen der Seidenmalerei - und meine körperlichen, denn die Präzision verlangte extreme Konzentration in meist unbequemer Körperhaltung, und so stellte ich mein geliebtes Seidenmalatelier ein.

 

Und da bin ich heute: überwiegend mit Kreide bringe ich, was meistens meine Kamera zuvor festgehalten hat, in einer verdichteten Technik, die an leichte Ölmalerei erinnert und gänzlich auf die Gestaltung von Nebenschauplätzen verzichtet, auf farbigen Karton. Oder ich male in Öl auf Leinwand.

Ich sehe das Pferd als solches, schaue in seine Seele, nehme seine Energie, seinen Lebensauftrag wahr und halte diese natürlichen Aspekte im Bild fest.

 

Last, but not least: ein einziges Foto habe ich noch von meinen Seidentüchern mit Pferdemotiven. Seinerzeit fotografierte ich noch analog und machte daher wesentlich seltener Aufnahmen meiner Arbeiten als heute.

Das Tuch zeigt 90x90 cm groß auf reinseidenem Crèpe de Chine die Bayernstute Hazel mit ihrer Reiterin, Paula, während der Bayerischen Juniorenmeisterschaftsprüfung – und danach. Als Zweite. Dieses Tuch entstand im Auftrag von Paulas Mutter, die damit auch würdigen wollte, dass Hazel auf einem Auge blind war. Und so war es für mich wieder einmal ein Akt der Liebe, dieses Pferd zu malen zu dürfen.

 

 

 

 
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